Die (Vor) Geschichte
In
einem Teil des dichten, undurchdringlichen Zauberwaldes lebt die
Hexe „Sapperlott“.
Natürlich
hat sie nicht immer so geheißen, aber an ihren ursprünglichen
Namen erinnert sich niemand mehr. Alle nennen sie nur
„Sapperlott“, denn ihr Lieblingsausspruch ist:
„Sapperlott,
das mag ich nicht!“
Und
es gibt vieles, das unsere Hexe nicht mag.
Gewitter,
zum Beispiel, kann sie gar nicht ausstehen. Je heller die Blitze
am zucken, je lauter der Donner dröhnt, desto böser wird sie.
„Sapperlott,
das mag ich nicht!“ hört man sie laut schimpfen, während sie
in ihrer Hütte Kasten und Kisten vor Tür und Fenster schiebt.
Noch
schlimmer ist es, wenn es zu regnen beginnt, während Sapperlott
unterwegs ist, um Beeren und Kräuter zu sammeln.
„Sapperlott,
das mag ich nicht!“ ruft sie den ersten Regentropfen entgegen,
die sich natürlich überhaupt nicht stören lassen.
„Sapperlott,
der dumme Regen, wäscht mir die Gedanken aus dem Kopf.“ murmelt
sie vor sich hin, wenn der Regen stärker wird und sie so schnell
als möglich nach Hause eilt.
Am
allerwenigsten aber mag Sapperlott unerwartete Besucher.
Und
am aller-allerwenigsten solche, die für längere oder kürzere
Zeit bei ihr wohnen möchten. „Sapperlott, das mag ich nicht!“
sagt sie deshalb ganz ärgerlich, wenn sie davon erfährt, dass
eine der anderen Hexe zu Besuch kommen möchte.
Nicht,
dass sie sich nicht auch über manche BesucherInnen gefreut hätte.
Aber längere Zeit? – Das ist wirklich mit zu vielen
Schwierigkeiten verbunden.
Soll
sie etwa ihre eigene Hängematte herborgen? Und selbst auf dem Boden schlafen?
„Sapperlott,
das mag ich nicht!“
Oder
soll sie der Gasthexe aus ihren Zauberbüchern einen Schlafplatz
bauen?
Und was, wenn sie dann genau eines dieser Bett-Bücher braucht?
Soll sie etwa darauf verzichten in ihren Büchern zu blättern?
„Sapperlott,
das mag ich nicht!“
Außerdem,
wo in ihrer engen, kleinen Hütte hat sie überhaupt Platz dafür?
Überall
sind Gläser, Flaschen, Bücher, Steine, Gräser. Wichtiges und
Unwichtiges, Nützliches und Manches, das einfach da ist, weil es
eigentlich immer schon da war.
Womöglich,
befürchtet Sapperlott, durchwühlt so eine Besucher-Hexe ihre
ganz geheimsten Dinge oder isst die Brombeermarmelade auf, von der
sie selbst jeden Tag nur einen kleinen Löffel voll nascht.
„Sapperlott,
das mag ich nicht!“ sagt sie bei solchen Gedanken und stampft
zornig mit dem Fuß auf.
Überhaupt,
was soll sie mit einem Besucher anfangen?
Allein in der Hütte lassen?
Das
erscheint ihr viel zu gefährlich, wer weiß was da alles
passieren kann.
Mitnehmen,
zum Kräutersammeln?
Dann sind die geheimen Plätze ja gar nicht mehr geheim.
„Nein,
Sapperlott, das mag ich nicht!“
„Sapper-Sapper-Sapperlott,
das mag ich alles einfach nicht!“
Schließlich
gibt es in dem riesigen Zauberwald doch wirklich genug andere Plätze,
wo Hexen und andere Zauberwesen bleiben können.
Weil
alle Hexen wissen, dass man mit Sapperlott viel Spaß haben kann,
sie die allerbeste Brombeermarmelade kocht und auch sonst viele
Geheimrezepte kennt, aber lieber alleine lebt, kommt schon lange
niemand mehr zu ihr auf Besuch
Bei
Vollmond ist Sapperlott, wie alle anderen Hexen auch, beim großen
Hexenfest.
Bei
Neumond trifft man sie auf der Kleewiese. Und wer sie zu anderen
Zeiten treffen möchte,
der wandert zu ihrer Lichtung und wartet
am Waldrand, bis er von ihr gesehen und zum Näherkommen
aufgefordert wird.
Eines Tages aber,
war alles anders.
Eigentlich
begann alles damit, dass Sapperlott wegen einem Regenguss nicht
genug Kräuter sammeln konnte. Alles „Sapperlott“-Schimpfen
half nichts, und sie kam mit nassen Füßen nach Hause.
Kaum
hatte sie ihre nassen Socken ausgezogen, da begann es zu blitzen
und donnern.
Die
Blitze erhellten ihre Lichtung wie Tageslicht und der Donner war
so laut, dass ihre Hütte bebte. „Sapperlott, das mag ich
nicht!“ rief Sapperlott und schob und zerrte alles vor Tür
und Fenster.
Weil
das löchrige Dach (wie immer) an vielen Stellen den Regen
durchließ, schleppte sie kurz darauf Töpfe und Pfannen, Gläser
und Krüge herbei und verteilte diese unter den undichten Stellen.
„Sapperlott,
das mag ich nicht!“ schimpfte sie dabei, doch sosehr sie sich
auch abmühte, weder Regen noch Gewitter waren auszusperren, denn
ihre Hütte hat unendlich viele Ritzen und Spalten.
So
blieb ihr nichts anderes übrig, als sich mit feuchten Kleidern in
die feuchte Hängematte zu legen und mit der ebenso feuchten Decke
zuzudecken.
Doch
an Schlafen war bei diesem Gewitter vorerst nicht zu denken.
Die
hellen Blitze konnte Sapperlott zwar verschwinden lassen, indem
sie sich die Decke über den Kopf zog. Doch das Donnergrollen
folgte ihr auch, obwohl etwas dumpfer, bis unter die Decke.
„Sapperlott,
wie lang´ denn noch? Nein, nein, nein das mag ich nicht!“ rief
sie aus ihrem Versteck, doch der Donner kümmerte sich nicht
darum.
Erst
nach längerer Zeit wurde er etwas leiser, weil sich das Gewitter
entfernte.
„Endlich!“
dachte Sapperlott und kuschelte sich in ihre Hängematte.
Doch was war das?
Ein gleichmäßiges Pochen und Klirren erfüllte plötzlich das
ganze Hexenhaus. „Sapperlott, was ist denn jetzt schon
wieder?“ murmelte die Hexe und sprang auf.
Mit hohen und tiefen Tönen musizierten Regentropfen rund um
Sapperlotts Hängematte. Denn der Regen, der durch die Ritzen und
Löcher drang und in die Töpfe und Gläser plätscherte, brachte
diese zum Klingen.
Sapperlott,
seid endlich still!“ schrie Sapperlott und zog eine Pfanne zur
Seite, doch sofort bildete sich eine Wasserlacke am Boden.
„Sapperlott,
das mag ich gar nicht!“ wütete die Hexe und schob die Pfanne
schnell wieder an ihren alten Platz zurück.
Nachdem
Sapperlott nicht und nicht einschlafen konnte, zog sie schließlich
ihre nassen Socken wieder an, packte ihre Decke und lief durch den
Regen, bis zu einem hohlen Baum. In den kletterte sie hinein und
schlief auch bald darauf – endlich - ein.
Im
Traum erschien ihr eine Gestalt, die sie nicht genau erkennen
konnte. Und diese Gestalt rief ihr zu: „Ich komme bald! Ich
komme bald!“ Dabei winkte sie Sapperlott mit so vielen Armen zu,
dass dieser ganz schwindlig wurde. Am nächsten Tag kletterte die Hexe wieder aus dem Baum und machte
sich auf den Weg nach Hause.
Regen,
Gewitter und Traum hatte sie (vorerst) schon längst vergessen.
Doch
dann?