Sehr geehrter Herr Kulturstadtrat
Mit Erstaunen entnehme ich der heutigen Presse, dass Sie der Öffentlichkeit versprechen,
dass 2005 kein Theater sperren muss.
Von dieser medialen
Mitteilung ausgehend, würde ich mich am liebsten sofort freudig auf den
Weg machen, um die mit Klagen und Pfändung drohenden SachbearbeiterInnen
von Banken, Sozialversicherung und Hausverwaltungen mit ihrer schriftlichen
Aussage nicht nur zu besänftigen sondern nachhaltig zufrieden zu stellen.
Allerdings ist
zu befürchten, dass sich auch diese ehrenwerte Mitteilung lediglich als
Zeitungsente entpuppt, weil die Definition, was und vor allem wer mit
„Theater” gemeint ist, ja schlussendlich doch wieder ihre Entscheidung
ist.
Ihren kühnen Versprechungen und wohlwollenden Worten folgt nämlich immer, gut postiert auf der Beamten- & Beraterebene, eine Lawine von Ausnahmen und Interpretationen, sodass der individuelle Ausschluss Einzelner immer möglich ist.
Und mit Ausschluss- & Absageverfahren ist ICHDUWIR bestens vertraut. Denn im Entgegennehmen diffuser Begründungen für abschlägige Bescheide bzw. grundloser Ablehnungen sind wir mittlerweile Weltmeister, um ihre Vergleichsvorliebe mit dem Sport zu bemühen.
Andererseits lässt Ihre neueste Verlautbarung eine neue, nachhaltig wirkende Spielart der bisherigen Diffamierung ernsthafter und entwicklungsbezogener Kinderkultur erwarten.
Dem ICHDUWIR-Theater
zukünftig
auch die Bezeichnung „Theater” abzuerkennen, erleichtert
Ihren MitarbeiterInnen & Beratern die Sache sicherlich sehr, und
beschränkt sie nicht länger darauf, uns persönlich zu diskreditieren
und unsere Arbeit als unkünstlerisches „Privatvergnügen” abzuurteilen.
Die von Ihnen vielleicht vorschnell gemachte Äußerung, die auch möglicherweise von einem Journalisten falsch verstanden oder aus dem Gesamtkontext gelöst wiedergegeben wurde, bietet doch auch Gelegenheit, die Sache ernsthaft zu betrachten.
Und da drängt sich
die Frage auf, wen Sie als Stadtpolitiker vertreten und wem gegenüber
Sie Ihr Amt als Auftrag verstehen, wenn aus Ihrem Umkreis primär abschätzige Äußerungen über
Kinder tönen und Aussagen wie „Kunst ist, was mir gefällt!” dominieren.
Das steht in krassem Widerspruch zur viel zitierten Aussage,
dass Kinder ein Recht auf adäquate Kunst haben.
Das steht auch im Widerspruch zur angeblichen Fachkompetenz jener Menschen, die darüber befinden, welche Formen der Kunst und Kulturarbeit soweit abgesichert sind, dass sich die BetreiberInnen ohne existentielle Bedrohung ihrer Hauptaufgabe widmen können.
Und das ist doch eigentlich, für die Kinder dieser Stadt dazusein, sie zu fördern und sie im Sinne ihrer Entwicklung bestmöglich zu unterhalten.
Und genau das tun wir, seit beinahe
20 Jahren.
Mit größtmöglicher Verantwortung und mit dem Wissen, wie nachhaltig und positiv spezielle Theater- & Kulturarbeit die Persönlichkeitsentwicklung prägen kann.
In diesem Verständnis kann Kunst niemals künstlerischer Selbstzweck sein, sondern muss immer eine lustbetonte und niederschwellige Möglichkeit darstellen, Kinder im Rahmen Ihrer Entwicklung zu fördern und zu stärken.
Zielgruppenorientierte Kunst & Kulturarbeit kann und darf sich nicht nach dem Geschmack erwachsener Entscheidungsträger im Kulturamt richten, sondern muss anhand der erkennbaren Bedürfnisse von Kindern in entsprechende Projektangebote münden.
Und dass wir dabei
selten falsch lagen, beweisen die vielen „neuen” Ausrichtungen,
die wir seit langer Zeit als etablierte Schwerpunktbereiche vorzuweisen
haben.
Die Gesamttätigkeit von ICHDUWIR-Kinderkultur, insbesondere die Schwerpunkttätigkeit im Rahmen des TPZ (Theaterpädagogisches Zentrum) ist Ihnen seit 2002/03 persönlich bekannt.
Die in Aussicht gestellte finanzielle Unterstützung blieb allerdings ebenso aus, wie die Bereitschaft sich abseits bestehender Beamtenmeinungen mit ICHDUWIR auseinander zu setzen.
Das Ansuchen auf
dringende Soforthilfe in Höhe von € 20.000.- vom August
2004 wurde im Nov./Dez. durch eine Intervention des Wiener Bürgermeisters
unterstützt. Bis heute ist keine offizielle Reaktion erfolgt - informell
erfuhren wir: „Ihr nicht – keine Chance!”
Da darf und muss man sich, als Veranstalter von 300 Veranstaltungen jährlich, schon fragen, was man denn eigentlich angestellt hat.
Warum werden unvermeidliche Zusatzkosten, die Kindern eine bedürfnisorientierte Qualität garantieren als nicht berechtigte Forderung angesehen, während es bei der freizügigen Vergabe weit höherer Summen offensichtlich keine Bedenken gibt, dass damit ev. öffentliche Gelder in den Sand gesetzt werden.
Worin besteht das offensichtlich Unverzeihliche?
Etwa darin, dass wir bereit sind, selbstvergessen die eigene Existenz aufs Spiel zu setzen, um das zu tun, was offensichtlich & nachweislich notwendig ist?
Etwa darin, dass
wir selbstvergessen mit etwa € 30.000.- Einnahmen einen Gesamtbetrieb
realisieren, der unter Einrechnung aller Leistungen und Kosten ein Budget
von rund
€ 180.000.- verbrauchen würde? Oder liegt es daran, dass Kinder schlussendlich
sowieso egal sind und deshalb auch alles, was auf ihre Besonderheiten
abgestimmt ist.
In Anbetracht der Vorgänge rund um die Theaterreform bin ich mittlerweile der Überzeugung, dass alle diese Gedanken über Ursachen & Gründe viel zu hoch gegriffen sind. Denn jede dieser Unterstellungen würde eines voraussetzen, nämlich die tatsächliche Auseinandersetzung mit ICHDUWIR und unserer Arbeit.
Statt dessen ist es wohl eher ein amtlich banales Machtspiel, das weitaus weniger boshaft als gedankenlos ist, denn was in der Kulturstadt Wien tatsächlich wegbricht, wenn ICHDUWIR zusperrt, hat sich sicherlich niemand überlegt.
Die Zerschlagung von ICHDUWIR-Kinderkultur würde bedeuten
Aufgrund der vielfältigen Fachkompetenzen in unserem Team, den zahlreichen Kooperationen und der intensiven, inhaltlichen Vernetzungsarbeit wirkt ein mögliches
Ende von ICHDUWIR auch österreichweit und international in viele Ergänzungsbereiche und Einrichtungen.
ICHDUWIR- Kinderkultur aufgrund eines Schuldenstandes von insgesamt € 30.000.- sterben zu lassen ist deshalb ein bisschen nachhaltiger, als einer freien Theatergruppe die Produktionsmittel zu versagen.
Aber vielleicht hat das ja bisher noch niemand bedacht, oder wissen können.
Und vielleicht stimmt ja auch Ihre
am 31. März in der Presse abgedruckte Aussage und Sie haben sich doch durchgerungen unseren Todeskampf wahrzunehmen und zu stoppen.
In diesem Falle würde ich Sie sehr herzlich um einen Rückruf bitten, oder um ein Email,
mit dem ich mich am Montag, nach geglückter Sonntag-Premiere, aufmachen kann, um die kleine Welt von ICHDUWIR wieder gerade zu rücken,
damit wir unbelastet das tun können, was unsere eigentliche Hauptaufgabe ist.
Mit freundlichen Grüßen
Heide Rohringer
ICHDUWIR-Kinderkultur
Büro: 1160 Wien; Heigerleinstraße 44
Tel. +43 1 486 96 46 - mobil: 0699 100 53841
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