BUCHTIPPS

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Sie nannten sie Wolfskinder

Autorin: Linde von Keyserlingk

ISBN 978-3-451-70859-6 - Verlag: Herder

Historischer Hintergrund

Die Geschichte beginnt 1945, am Ende des zweiten Weltkrieges.

Osteuropa, das sind zerbombte Städte, verlassene Dörfer, Angst und Willkür. Für viele beginnt hier die Nachkriegsgeschichte mit neuerlicher Verfolgung. Überlebende, die in den Wirrnissen der Zeit neuerlich ums Überleben kämpfen. Unter ihnen Tausende elternlose Kinder (man geht heute von etwa 10.000 - 25.000 Kindern aus), die schutzlos auf der Flucht und in eine unbestimmte Zukunft unterwegs sind. Viele dieser „Wolfskinder", die sich zu zusammenschließen kennen ihre Herkunft nicht und ihr einziges Ziel ist überleben. Das Buch „Sie nannten sie Wolfskinder", schildert das Schicksal einer dieser Zufallsgemeinschaften, begleitet sie von Russland bis zum Donaudelta (laut beigefügter Karte).

Inhalt:

Mit Beginn des Romans trifft man auf die zwei Buben Ambromow und Ismael. Der ältere hat das Schicksal eines Kindersoldaten hinter sich, Ismael ein Straflager, wo er seinen Vater verlor.
Eines Tages wird die Notgemeinschaft um ein etwa sechsjähriges Zwillingspaar erweitert, die Mädchen entgingen nur knapp der Deportation nach Sibirien. Später kommen zwei weitere, ältere Mädchen hinzu und zuletzt schließt sich noch ein 14jähriger Bursch mit seinem kleinen Bruder (Kleinkind) an.
Wechselvolle Begegnungen mit Erwachsenen begleiten ihre Wanderung und im Verlauf der etwa zweijährigen Reisezeit entwickelt jedes Kind ungeahnte, persönliche Kräfte, die zum Überleben aller beitragen. Nicht zuletzt dadurch wird aus der zufälligen Notgemeinschaft so etwas wie einer „Familie".

Über das Buch

Die Autorin bietet am Anfang eine knappe Einführung in den historischen Zeitkontext, darüber hinaus kommt sie gänzlich ohne Zusatzerklärungen aus und versteht es, auch komplexe schwierige Zusammenhänge einfach und knapp darzulegen. Die Handlung bietet ausreichend Zeit sich mit den Personen, deren Lebensumstände und Besonderheiten vertraut zu machen bevor neue hinzukommen. Die Charaktere sind in ihrer Unterschiedlichkeit markant gezeichnet und entsprechen den vielfältigen, konkreten Lebenshintergründen von Wolfskindern.

Erwachsene sind ungeschminkt und lebensecht dargestellt.

Der Text:

Die Autorin weiß sehr einfühlsam und dezent auf die kindliche Gefühlswelt einzugehen und entwirft damit überaus stimmige, entwicklungsbezogene Charaktere, wodurch deren stetiges über sich Hinauswachsen müssen umso drastischer wird. Und so ist es ihr anzurechnen, wenn jugendliche wie erwachsene LeserInnen vom Schicksal ihrer HeldInnen gleichermaßen gepackt werden und dabei das Bewusstsein entwickeln, dass das Geschehen kein Fantasiegebilde darstellt sondern Teil einer unvorstellbaren Realität ist.

Gesamteindruck:

Die Altersangabe erscheint zu tief gegriffen, ansonsten stellt das Buch einen wichtigen Beitrag zur Humanität dar, der über das vielfältige Gedenkjahr 2008 weit hinausreicht. Denn weltweit sind noch immer Tausende Kinder alleine auf der Flucht.

Unsere Bewertung:
Zeithistorisches Highlight
- Sehr zu empfehlen - ab 12 Jahre bis Erwachsenenalter


Der Mann von der anderen Seite

Autor: Uri Orlev

Verlag: Beltz & Gelberg / Gulliver TB - ISBN 978-3-407-74084-7

Historischer Hintergrund:

2. Weltkrieg / Warschauer Ghetto

Inhalt

Der Ich-Erzähler Marek lebt mit Mutter und Stiefvater in Warschau. Mit 14 Jahren nimmt ihn sein Stiefvater erstmals mit in die Kanalisation, um Lebensmittel ins Ghetto zu schmuggeln.

Nachdem er beim Überfall auf einen Juden mitmacht, erfährt Marek, dass sein leiblicher Vater Jude war. Von Schuldgefühlen geplagt sorgt er für die Unterbringen eines Ghetto-Flüchtlings und wird in Folge auch persönlich in die Ereignisse des Ghetto-Aufstands hineingezogen.

Aufbau

Die Geschichte ist an den Wahrnehmungen und Eindrücken der Hauptfigur orientiert und sorgt dadurch für eine erlebnisbetonte, emotionale Identifikation. Die geschilderten Charaktere sind nicht nur sehr pointiert sondern auch überaus humorvoll dargestellt, wobei der Blickwinkel immer die jugendliche Sichtweise beibehält.

Viele drängende Fragen, die mit dem Verstehen-wollen nachfolgender Generationen zwangsläufig verbunden sind, werden durch die Überlegungen der Hauptfigur ebenso mühelos und nebenbei aufgeworfen wie in weiterer Folge nachvollziehbar beantwortet.

Autor/Übersetzerin

Dass Uri Orlev ein begnadeter Erzähler ist, muss nicht weiter ausgeführt werden und auch die feinfühlige Wortgewalt von Mirjam Pressler ist ein Vergnügen, an dem wir uns schon lange erfreuen dürfen. Die Kombination von beiden macht Bücher wie dieses zu einem Jugendbuch, das nicht nur jugendlichen LeserInnen ein besonderes Bucherlebnis bietet.

Gesamteindruck

Beklemmend und doch nie ohne einen Funken Hoffnung;
Packend aber nicht ein Ansatz von reißerisch;
Informativ aber nie belehrend;
Humorvoll ohne zu verblödeln

Insgesamt ein Werk, das berührend von menschlichen Stärken und Schwächen erzählt und
daher auch das Unfassbare begreifen lässt.

Unsere Bewertung:
Zeithistorisches Highlight
- sehr zu empfehlen - ab 12 Jahre bis Erwachsenenalter


Wintereis

Autor: Peter van Gestel

Übersetzung: Mirjam Pressler

Verlag: Beltz & Gelberg - ISBN 978-3-407-81040-3

Historischer Hintergrund

Niederlande 1947, der 2. Weltkrieg ist vorbei und wie in allen Ländern Europas bemühen sich auch die Menschen in Amsterdam zu einem normalen Leben zurückzukehren. Doch an ein „vorher" anzuschließen ist nicht leicht, nicht zuletzt deshalb weil die meisten jüdischen Nachbarn verschwunden sind.

Inhalt

Der Ich-Erzähler, Thomas, ist nicht mehr Kind und noch nicht Jugendlicher und lebt nach dem Tod seiner Mutter mit seinem Vater allein. Die beginnende Freundschaft mit seinem jüdischen Klassenkollegen Zwaan und dessen ältere Cousine Bet verändert das Leben aller und lässt sie nach und nach auch über Gefühle und Erinnerungsfetzen sprechen, die sie bisher durch schützendes Schweigen verdrängten.

Erzählstruktur / Aufbau

Durch die überaus stimmigen Charaktere und die Form der ICH-Erzählung entsteht eine besondere Atmosphäre, die das Geschehen aus der Sicht des Erzählers erlebbar werden lässt.

Die kindliche Erlebniswelt und Sicht der Dinge, zu der enorme Gedankensprünge ebenso dazugehören wie unvorhersehbare, abrupte Stimmungsschwankungen und große, neue Gefühle, ist so sensibel und natürlich nachgezeichnet, dass niemals der Eindruck entsteht, dass ein Thema abgehandelt wird. Obwohl das sowohl emotional wie auch intellektuell lückenlos geschieht.

Literarische Besonderheit

Welch beeindruckender Erzähler der Autor ist, kann man nicht zuletzt daran ermessen, dass der strenge, nicht enden wollende Winter zur Metapher für das schützende Schweigen wird.
So macht sich mit dem einsetzenden Tauwetter auch ein erkennendes Verstehen unter den Heldinnen breit. Und so wie eines Tages das Eis ganz verschwindet, führt sie die Erkenntnis zu neuen Handlungsweisen und notwendigen Entscheidungen.

Die Übersetzung

Bei Übersetzungen ist man immer auf das literarische Sprach- & Fingerspitzengefühl der Übersetzer angewiesen, ob auch die Zwischen- und Untertöne getroffen werden. Dank der Autorin Mirjam Pressler ist hier wieder ein besonderes Bravourstück geglückt, dass alles enthält was man sich von einem Buch wünschen kann.

Gesamteindruck

Das Werk verbindet auf bestechende Art zeitgeschichtliche Fakten und daraus resultierende, individuelle Schicksale und Alltagsumstände. Es konfrontiert jugendliche LeserInnen sensibel mit weitgehend unbekannten historischen Tatsachen und bezieht sich überaus einfühlsam auf ihr eigenes, altersspezifisches Fühlen und Handeln, womit auch die Altersangabe ab 12 Jahre als stimmig anzusehen ist. Wie bei ähnlich geglückten Werken sehe ich nach oben hin keine Altersbegrenzung gegeben.

Unsere Bewertung:

Zeithistorisches Highlight - Sehr zu empfehlen - ab 12 Jahre bis Erwachsenenalter

 

ICHDUWIR-Theater & Kultur © 2008  - Tel.: +43 1 486 96 46 - mobil: +0699 100 53841 - Stand: 30.12.08