Kinderalltag
- MIR
IS´ FAAAAAD!
Kennen Sie das Gefühl,
nicht zu wissen was man tun soll?
Sie haben leider keine Zeit dazu, weil Sie dafür sorgen
müssen, dass Ihrem Kind nicht ständig fad ist?
Was bedeutet dieser Hinweis überhaupt?
Welche Befindlichkeit drückt er aus?
Wir haben
uns bemüht, Ursachen und Kern aufzuspüren, denn wer diesen umgangssprachlichen
Ausdruck auf den Begriff Langeweile reduziert, geht zumeist in die Irre. „Fad“ oder „fade“
ist, wie auch das Hauptwort
„Fadaise“ (Fa´de:z) dem französischen Vokabular
entliehen. Abgedroschenheit, Albernheit, Geschmacklosigkeit, langweilig,
läppisch, abgegriffen,... sind Synonyme und lassen bereits eine weitaus
größere Stimmungsvielfalt erahnen als der Satz „mir ist
fad!“ Genauso
wenig, wie geschmacklose Speisen unsere Lust zu essen steigern
können, vermag lustlose Beschäftigung unsere Sinne anzusprechen
und Interesse zu wecken. Wer zu und auf nichts Lust hat, dem helfen auch
die tollsten Dinge nichts.
Die Beobachtung bestätigt, dass Kinder, denen unaussprechlich „fad“
ist, nicht in leeren Zimmern sitzen, sondern vor einem reichhaltigen
Spielzeugangebot.
Im Gegenzug findet man kaum Kinder, denen gemeinsam „fad“
wäre, auch wenn nur wenig oder gar kein Beschäftigungsmaterial
zur Verfügung steht. Vertauscht man deshalb in diesem Zusammenhang „fad“ mit lustlos,
so müsste man sagen „Das Kind hat keine Lust, verspürt
keinen Anreiz, sich selbst zu beschäftigen!“ Und darauf kann man als Erwachsener weitaus vielfältiger reagieren
als schuldbewusst oder verstimmt. Bei Schulkindern ist häufig zu
beobachten, dass persönliche
Interessensgebiete „fad“ werden, sobald sie Teil des Unterrichts
sind. Bei näherer Betrachtung kommt man oft zu dem Schluss, dass
„läppisch“ oder „abgegriffen“ den Kern weit
besser trifft. Und das erscheint auch logisch, denn wer bereits Detailkenntnisse
hat, der findet in Einführung und Überblick nur wenig persönlichen
Anreiz. In diesem Fall müsste man deshalb sagen „Das Kind fühlt
sich unterfordert und kann deshalb seine lustbetonte Zuwendung, sein Interesse,
nicht aufrecht erhalten!“ Positive Motivation erweist sich in diesem Fall weitaus zielführender
als Vorhaltungen. In den Lexika-Definitionen zwar nicht angeführt, aber ebenso verbreitet
finden wir Überforderung als Ursache. Denn sobald uns die Flut der
Eindrücke keine Zeit dazu lässt diese mit realen Erfahrungen
und bekannten Gefühlen in Einklang zu bringen, reagiert unser Wahrnehmungssystem
mit angeborenem Selbstschutz. Umgangssprachlich bezeichnet man das, dem
Stopp-Mechanismus einer Maschine vergleichbar, als „abschalten“
oder „aussteigen“. Das Kind, das im aktiven Überangebot
klagt, dass ihm „fad“ ist, sagt uns eigentlich „Ich
weiß nicht, wo ich mich hinwenden soll, wofür soll ich mich
entscheiden?“ Steigert man als Erwachsener in so einem Fall die
Reizüberflutung weiter, damit es endlich nicht mehr „fad“
ist, verhindert man die tatsächlich notwendigen Momente der Ruhe
und inneren Neuorientierung. Ruhe haben, Ruhe genießen und Ruhezeiten individuell ausfüllen
können, erscheint immer mehr als Privileg angesichts ständiger
Beschäftigung und empfohlener Dauerkonsumation. Die Hetz wird zur
Hetzjagd. Und der gewohnte Lebenskonsument weiß nichts mit sich
selbst anzufangen. Zeitspannen oder sogar das gesamte Leben erscheinen
„stinkfad“.
„Lange Weile“ zu spüren beinhaltet aber auch wesentliche
Erfahrungen, wie z.B. unterschiedliche Zeitempfindung. In und mit langer
Weile, ohne stetige Außenimpulse, beginnt unsere Innenwelt farbig
und lebendig zu werden. Gedanken, Phantasien, Empfindungen steigen ins
Bewusstsein und bieten sich als gestaltbares Rohmaterial an. Mit dem Hinweis
„mir is´ fad“ erhalten wir also mitunter auch das Signal
„Ich kann nicht mühelos mit meiner Innenwelt in Kontakt treten,
bin nicht gewohnt aus ihr zu schöpfen!“ Das Wiedererlernen ist mit fortschreitendem Alter von zunehmend starken
Gefühlen wie Einsamkeit, Verzweiflung, Wut und Resignation
begleitet.
Je früher Kinder also auch Gelegenheit zum „Fadsein“
haben dürfen, je später wir ihren Tag ausfüllen und
verplanen,
desto stärker werden sie über die Kindheit hinaus in sich selbst
verankert sein können. Einen
besonderen, sozialen Hintergrund erhält das Wort „fad“
mitunter im Gruppenalltag. Die Beobachtung verweist dabei auf die Schwerpunktgruppe
Buben. Mit dem Kurzbegriff „fad“ wird generell und bereits
im Vorfeld alles betitelt was sie als unter ihrer Würde betrachten.
„Albernheit“ finden wir als Entsprechung bei den
Lexika-Synonymen. Und wer das, weiterhin
unwidersprochene, männliche Idealbild erfüllen
möchte, um als „Leader“ anerkannt zu werden, muss eben
vieles albern finden, vorrangig emotional bestimmte Bereiche und Themen.
Geschlechtsgenossen, die angesichts solcher Führungsqualitäten
nicht ganz in der Bedeutungslosigkeit versinken wollen, müssen ihrerseits
lautstark kundtun, dass alles „fad“ ist. Unter diesem Aspekt
ist ein freudiges „ur-fad“ manchmal mehr als ein Dankeschön. Ich
hoffe, diese Bespiele konnten veranschaulichen wie wichtig es im Rahmen
der Erziehung ist „dahinter“ zu hören und „darunter“
zu schauen. Strategien und Lösungen ergeben sich zumeist von
selbst,
wenn man bereit ist das Kind und seine Individualität nicht nur oberflächlich
zur Kenntnis zu nehmen, sondern in seiner Einmaligkeit und Vielfalt
wahrzunehmen.
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